Nachtaufnahmen - So geht es richtig!

Nachtaufnahme 1

Fotografieren bei Nacht: Ein Thema, das viele Fotografen begeistert und mit dem sich jeder Einsteiger früher oder später beschäftigt. Gerade in Städten lassen sich eindrucksvolle Aufnahmen erstellen, aber auch die sogenannten Cartrails begeistern viele.
 
 
Dabei geht es darum, fahrende Autos in einer Langzeitbelichtung einzufangen. Während das fahrende Auto selbst nicht auf dem Bild sichtbar ist, da es von seiner jeweiligen Position nicht genügen Licht reflektiert, dass vom Sensor eingefangen werden könnte, sind lediglich die Lichter sichtbar, die durch die Bewegung als Streifen abgebildet werden. Leider sind die Resultate gerade Anfangs oft sehr ernüchternd.
 
Nachtaufnahme Rapperswil
 
Schnell wird man feststellen, dass auch eine teure Spiegelreflexkamera nur mit Wasser kocht. Auch hier gelten die Grundregeln, was die Blende, den ISO und die Belichtungszeit betrifft (Link: http://severinpomsel-blog.ch/grundlagen-kameraeinstellungen ).
 
Wird also eine sehr dunkle Szene fotografiert, ist ein Stativ mehr oder weniger zwingend notwendig. Gerade wenn es um Cartrails geht, ist eine Langzeitbelichtung Pflicht und lässt sich unmöglich aus der Hand realisieren.Nun, das ist alles relativ naheliegend. Der eigentliche Grund, weshalb die Resultate eben trotz korrekten Einstellungen und der Verwendung eines Stativs nicht so ausfallen, wie diejenigen der Profis, ist ein anderer: Die falsche Uhrzeit für das falsche Motiv. Oftmals stehen weniger erfahrene Fotografen bei absoluter Dunkelheit auf einer Autobahnbrücke um frierend ihr Stativ aufzubauen. 
 
Schnell wird die Kamera montiert und die Komposition gefunden. Die Blende wird geschlossen, eine lange Belichtungszeit wird eingestellt und dann wird abgedrückt. Eigentlich wurde doch alles richtiggemacht? Trotz dem Aufwand und Engagement, mitten in der Nacht bei der grössten Kälte das Haus zu verlassen um tolle Nachtaufnahmen zu erstellen, sind die Bilder dann aber leider oft bloss durchschnittlich. 
 
Der Himmel ist pechschwarz und die Lichter der Stadt oder die Autobahnbeleuchtung ist gnadenlos überbelichtet. Einerseits ist also eines der wichtigsten Elemente einer Landschafts- oder Stadtaufnahme – der Himmel – nicht mehr als eine uninteressante, schwarze Fläche und die Lichter, die einer solchen Szene bei Nacht erst ihren Charakter verleihen, verfügen über keinerlei Struktur. Natürlich ist man dennoch ein wenig stolz auf sein Werk, schliesslich war es mit einem grossen Aufwand verbunden. Aber innerlich macht sich doch manchmal ein wenig Enttäuschung breit, hätte man sich doch gerade wegen des grossen Aufwands mehr erhofft. 
 
Rapperswil bei Nacht
 
Der eigentliche Fehler lag darin, das Haus erst zu so später Zeit zu verlassen. Zwar liegt es nahe, dass eine Nachtaufnahme eben nachts fotografiert wird, doch die besten Nachtaufnahmen entstehen oftmals früher. Das Zauberwort heisst «Blaue Stunde»!
 
Die Blaue Stunde ist der Zeitraum zwischen dem Sonnenuntergang und der eigentlichen Nacht – oftmals auch «bürgerliche Dämmerung» genannt. Der Himmel färbt sich tief blau, daher der Name, und hat in etwa die selbe Helligkeit, wie die Landschaft selbst. Das bringt viele Vorteile mit sich. Einerseits hat die Szene einen geringeren Dynamikumfang, d.h einen geringeren Unterschied zwischen den dunkelsten und den hellsten Bereichen im Bild.
 
Gerade der Himmel ist oft ein heikles Thema bei Landschaftsaufnahmen, denn oft ist er über- oder nachts eben unterbelichtet. Während der Blauen Stunde muss man sich als Fotograf weniger Sorgen über ihn machen. Weiter hat der Himmel zu dieser Zeit noch immer eine Struktur oder an klaren Tagen zumindest einen Farbverlauf. Die Strassenbeleuchtung wie auch die Lichter der Bürohochhäuser und Wohnungen gehen meist während der blauen Stunde an und auch die Belichtungszeit ist bereits lang genug, um beispielsweise Cartrail Aufnahmen umsetzen zu können. 
 
Stansstad Nachtaufnahme
 
Streng genommen ist die Nacht zwar noch nicht eingebrochen, doch kaum jemand wird bestreiten, dass man von einer Nachtaufnahme sprechen kann. Während der blauen Stunde zu fotografieren bringt deine Nachtfotografie also definitiv auf ein ganz neues Level. Vorsicht ist nach wie vor bei den Lichtern geboten – diese sind auch während der blauen Stunde schnell mal überbelichtet. Sicherheit bietet der Blick auf’s Histogramm oder eine aktive Überbelichtungswarnung.
 
Natürlich darf eine Strassenlaterne auch mal ein klein wenig ausbrennen, gerade die Häuser und Glasfassaden der hohen Bürogebäude sollten jedoch noch Zeichnung und Farbe zeigen. Angenehme gelbe Lichter bieten im Gegensatz zu weissen ausgebrannten Flächen einen wunderschönen Kontrast zum tiefblauen Himmel. Zur Sicherheit können also mehrere Belichtungen aufgenommen werden – eine für die Szene an sich und eine dunklere Belichtung für die Lampen und Fenster.
 
Diese werden danach in Photoshop oder Lightroom kombiniert, wobei man sich dazu mit unterschiedlichen Techniken auseinandersetzen sollte – etwa Luminanzmasken (meine Empfehlung) und HDR (wobei man es dabei nicht übertreiben sollte.) Gerade die neueste Version von Lightroom bietet eine sehr tolle HDR Funktion, mit der sich relativ einfach sehr natürliche Ergebnisse erzielen lassen.
 
Obersee Sterne Nachtaufnahme
 
Eine andere Geschichte sind Aufnahmen des Sternenhimmels, die natürlich aus der Nachtfotografie nicht wegzudenken sind. Bilder einer imposanten Landschaft unter dem Sternenzelt oder gar der Milchstrasse sind ein absoluter Hingucker und sind ein dicker Pluspunkt im Portfolio eines Landschaftsfotografen. Diese lassen sich in Städten und selbst in ihrer Nähe aufgrund der starken Lichtverschmutzung eher schwer umsetzen – im Idealfall wählt man also eine abgelegene Landschaft. 
 
Hier gelten andere Regeln: Während der blauen Stunde sind die Sterne meist noch unsichtbar. Fotografiert wird im Idealfall bei absoluter Dunkelheit. Um die Sterne und die Milchstrasse abbilden zu können müssen alle Register gezogen werden – hier kommen günstigere wie teurere Kameras gerne an ihre Grenzen. Ein lichtstarkes (Blende 2.8 oder eine noch kleinere Blendenzahl sind von grossem Vorteil) Objektiv sollte ebenfalls verwendet werden. Die Blende wird vollkommen geöffnet um so viel Licht wie nur irgendwie Möglich einfangen zu können.
 
Dazu wird der ISO (Die Sensorempfindlichkeit) massiv erhöht. Im Beispielbild wurde mit einem ISO von 6400 fotografiert. Eine Stadt oder Ähnliches wäre bei einer so hohen Sensorempfindlichkeit bei einer Belichtungszeit von 30 Sekunden gnadenlos überbelichtet. Weiter lohnt es sich, früh vor Ort zu sein, denn durch den Sucher lässt sich meist nichts erkennen ausser ein tiefes Schwarz.
 
Selbstverständlich lassen sich solche Aufnahmen auch mit Cartrails oder anderen hellen Motiven verbinden. Hier sind allerdings ein wenig Geschick und fundierte Photoshop Kenntnisse gefragt, den in aller Regel müssen dazu mehrere Belichtungen gezielt kombiniert werden – was an dieser Stelle jedoch zu weit geht und in aller Regel auch nicht zu meinem persönlichen Workflow gehört.
 
Ich hoffe, ich konnte euch einen Überblick über die Nachtfotografie geben und euch bei eurer nächsten Tour zu mehr Erfolg verhelfen. Gerne könnt ihr eure Ergebnisse auf meiner Facebookseite oder derjenigen von Bilder 24 posten – wir sind gespannt auf eure Bilder! 
 
www.facebook.com/SeverinPomselPhotography
 
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